„Präsidentschaftswahlen im Iran – Eine Standortbestimmung“

Vortrag von Reinhard Baumgarten (ARD-Korrespondent Teheran), am 27.05.2013,
an der Universität Bonn.

Iran sei das Land mit dem größten Potential und könnte das „Power-House“ des Nahen und Mittleren Osten sein, so Reinhard Baumgarten im Eingangsstatement seines gut besuchten Vortrags zur aktuellen wirtschaftlichen und politischen Lage Irans vor den am 14. Juni 2013 stattfindenden Präsidentschaftswahlen. Das Potential Irans sei begründet mit den enormen Ressourcen des Landes, wobei Baumgarten nicht nur auf Öl- und Gasvorkommen anspielte, sondern vor allem auf das Humankapital: Iran verfüge über ein sehr hohes Bildungsniveau, habe hochqualifizierte Fachkräfte und eine aktive Zivilgesellschaft.  Ein großes Problem sei jedoch der so genannte „brain-drain“, also die Abwanderung gebildeter Fachkräfte, sowie die dauerhaften außenpolitischen Spannungen und die aus der Sanktionspolitik resultierenden negativen Konsequenzen für die iranische Wirtschaft.

Mit Blick auf die Präsidentenwahl warnte der seit 22 Jahren in der nahöstlichen Region arbeitende Baumgarten vor zu hohen Erwartungen auf einen politischen Wandel: Die Kandidatenliste sei nunmehr „übersichtlich“ geworden und bestehe aus Vertrauten Ayatollah Chameneis, so dass eine Beibehaltung des status quo wahrscheinlich sei. Gute Chancen räumte er insbesondere Mohammad Bagher Ghalibaf ein, der sich als Bürgermeister Teherans verdient gemacht hat.

Viel Raum nahm in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum das Thema der kritischen Haltung der Medien in ihrer Berichterstattung über Iran ein: Oft werde ein als einseitig empfundenes Bild des Landes erzeugt und reproduziert. Baumgarten wies auf die zeitlich extrem beschränkten Formate im TV hin und die Herausforderung, in kürzester Zeit die relevanten Informationen zu vermitteln. Zudem spiele auch der Handlunsgspielraum eines Korrespondenten in der Themenauswahl eine bedeutende Rolle. Er betonte, dass es durchaus Berichterstattung jenseits des Mainstream gebe und insbesondere einige Radioformate, wie etwa beim Deutschlandfunk, verschiedene Aspekte eingehend und komplex behandeln. Auch die Außenpolitik des „Westens“, die, so Baumgarten, immer auch Innenpolitik sei, war einer der dominanten Diskussionpunkte der Veranstaltung.

Spannend waren die geschilderten Eindrücke aus Iran insbesondere deshalb, weil Baumgarten, der seit 2011 als Hörfunkkorrespondent aus Teheran berichtet, unmittelbar aus erster Hand berichten konnte und einen seltenen Einblick in seinen Teheraner Arbeitsalltag und seinen Begegnungen mit den Menschen dort vermittelte.