„Nader und Simin“

Diskussion über den Film vom 30.06.2015

Mit Nader und Simin haben wir erstmals anstelle eines Buchs einen Film besprochen. Diese Neuerung kann insgesamt als sehr geglückt bezeichnet werden: unsere Diskussion war ausgesprochen lebhaft, die Teilnehmerzahl hoch.

In der Besprechung des Films zeigt sich schnell, dass der Film sehr viele Problemfelder behandelt: da sind zum einen die beiden Themen „Trennung“ und „Altern“, die den Film auf einer ersten Ebene prägen: Nader und Simin wollen sich scheiden lassen, weil Simin ins Ausland reisen möchte, und Nader, gebunden an seinen kranken Vater, das Land nicht verlassen will. Hauptstreitpunkt zwischen ihnen beiden ist die Zukunft der Tochter. Kritik an dieser Ebene entzündet sich in der Diskussion daran, dass die Ausreiseproblematik sehr im Hintergrund bleibt, die Motive für eine Auswanderung kaum beleuchtet werden, und auch Simin zumindest in diesen ersten Szenen wenig differenziert dargestellt wird. Dem wird entgegengestellt, dass es im Iran einer weitergehenden Erläuterung der Motive für eine Auswanderung nicht unbedingt bedarf, da die Problematik sehr gegenwärtig ist, und der Wunsch, auszuwandern, unmittelbar verständlich ist.

Vielleicht, so ein anderer Diskussionsbeitrag, sind die Erkrankung des Vaters und die Scheidungsproblematik aber auch gar nicht so zentral für den Film, in dem es eigentlich um andere Probleme gehe: einerseits um die starken gesellschaftlichen Gegensätze im Iran, den Gegensatz zwischen Arm und Reich, die sich aus dieser Situation ergebenden Konflikte, und andererseits um das Problem von Moral bzw. Gerechtigkeit und die Unmöglichkeit, ausschließlich moralisch zu leben. Diese Unmöglichkeit manifestiert sich insbesondere in der Lüge, zu der die meisten Protagonisten im Lauf des Films Zuflucht nehmen: fast alle lügen in der ein oder anderen Situation, selbst wenn sie eigentlich lieber die Wahrheit sagen würden. Die Umstände drängen sie dazu, zwingen sie sogar dazu. In einer Schlüsselszene erfährt die Tochter, dass ihr Vater gelogen hat, und auch, warum dem so ist – und lügt im Folgenden selbst. Diese Lüge ist Ausdruck ihres Reifungsprozesses. Nur die kleine Tochter der Pflegekraft lügt nie – und wird sogleich ausgenutzt, indem man ihr belastende Aussagen über ihre Eltern zu entlocken sucht. Simin lügt auch nicht oder kaum, sie stellt allenfalls bei ihrem ersten Auftritt bei Gericht die Situation zuhause nicht ganz adäquat dar. Und der alte Vater lügt auch nicht, aber der kann ohnehin nichts sagen. Möchte der Film uns also sagen, dass in einer solchen Gesellschaft alle irgendwann zu lügen beginnen, und nur kleine Kinder und Alte davon ausgenommen sind? Und die anderen, die nicht lügen wollen, das Land verlassen müssen?

Letztendlich sind in dem Film alle in ein Schicksal verstrickt, das sie kaum beeinflussen können. Gut gemeinte Aktionen und auch Mitgefühl bewirken das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war: die Pflegerin hat ihrem Mann und ihrer Familie helfen wollen, und steht am Ende als große Verliererin da: ohne Baby, ohne Geld, geschlagen, verzweifelt. Ihr Mann hat ebenfalls verloren, seine Gläubiger sitzen ihm im Nacken, und nun muss er auch noch die Schmach einer Bloßstellung ertragen, indem seine Frau nicht auf den Koran schwören will. Simin verliert ihren Mann: was am Anfang als temporäre Trennung gedacht war, verfestigt sich, so dass es am Ende kein Zurück mehr gibt. Nader verliert seine Frau, sein Vater ist am Ende kränker als zuvor, und vor seiner Tochter offenbart er sich als Lügner. Dies sind, wie der Richter am Anfang sagt, kleine Probleme – klein im Vergleich zu den Problemen, die die arme Familie heimsuchen. Aber auch sie können dem Verhängnis nicht entkommen, wie in einer griechischen Tragödie ist jedes Verhalten schlecht, und es gibt keine Lösung.

Darüber, ob es sich um einen guten Film handelt, gehen die Meinungen in der Diskussion auseinander. Neben der Meinung, dass zu viele Handlungsstränge nebeneinander stehen, und dass einfach zu viele Probleme in einem Film untergebracht worden sind, steht die Ansicht, dass gerade dies die Qualität des Films ausmache.