Nezami: „Leila und Madschnun“

Buchbesprechung im Literaturkreis vom 05.05.2015

Die Besprechung von Leila und Madschnun beginnt mit einer kurzen Einführung über den arabischen Hintergrund der Dichtung, die in den sogenannten udhritischen Liebesgedichten zu finden ist. Charakteristisch für diese Dichtung ist das Motiv der unerfüllten Liebe, des Wahnsinns sowie auch der Dichtkunst. Nezami hat dieses Motiv übernommen und daraus eine zusammenhängende und komplexe Erzählung geformt.

Der Eindruck beim Lesen ist gemischt: es stellt sich heraus, dass nicht alle die Dichtung von Anfang bis zum Ende mit Spannung gelesen haben, sondern dass das Werk sich langsam entwickelt, und das Motiv des hungernden und weinenden Qeys immer wieder auftaucht. Trotzdem wäre es verfehlt, keine Entwicklung anzunehmen, denn, so die weitere Diskussion, die das Buch beherrschende Liebesgeschichte kann auf einer höheren Ebene auch als eine mystische Erfahrung betrachtet werden. Ähnlich wie die Etappen auf dem mystischen Pfad, bei denen ein Sufi nach und nach immer mehr von sich selbst aufgibt und letztendlich den Zustand der Endwerdung erreicht, vollzieht sich auch das Leben von Qeys in Etappen, in denen er sich immer mehr seiner Gesellschaft entzieht; wichtige Abschnitte sind beispielsweise das Verlassen seiner Heimat, der Kampf an der Seite von Naufal, der Tod seines Vaters, das Zusammenleben mit den Tieren, schließlich der Tod seines Vaters und seiner Mutter sowie zuletzt der Tod von Leila. Es wird klar, dass im Lauf dieser Entwicklung Leila als Person immer stärker in den Hintergrund tritt. Sieht man die Entwicklung im Kontext des Sufismus, so kann das Bändigen der wilden Tiere, die plötzlich sanft werden und ihrem Meister gehorchen, sinnbildlich als Bändigen der Inneren Triebseele gedeutet werden, des Tieres im Menschen, das nun, anstatt weiter wild ihn beherrschen zu wollen, sanft wie ein Lamm wird und ganz dem Willen des Meisters unterworfen ist.

Die Diskussion kreist auch um die Rolle der Frau in Nezamis Dichtung. Vordergründig spielen Frauen in dem Buch kaum eine Rolle: sie sind als Mütter zwar vorhanden, aber in sehr untergeordneter Funktion. Leila, die dem Titel zufolge eigentlich in etwa gleichbedeutend mit Madschnun sein müsste, spielt ebenfalls nur eine Nebenrolle, ihr Leiden, ihre Persönlichkeit sind völlig der des Madschnun untergeordnet. Und doch lässt sich aus dem Werk auch eine Anteilnahme am Geschick von Frauen herauslesen, die ihre Gefühle nicht zeigen dürfen, sondern zu größter Selbstbeherrschung gezwungen sind; die über ihr Schicksal nicht entscheiden können, sondern über die bestimmt wird, und die sich nur in sehr engen Grenzen dagegen auflehnen können.

Ein weiteres Thema stellt die Frage dar, wie man ein Verhalten wie das von Madschnun in der heutigen Zeit beurteilen würde. Kann man ihn als einen Fall für den Psychiater betrachten, der zudem als Stalker eine Frau und deren Familie belästigt? Auch wenn es sich hierbei um eine moderne Terminologie handelt, so macht der Verlauf der Dichtung doch klar, dass Madschnun in seiner eigenen Zeit gleichfalls als besessen galt und sein Verhalten als gesellschaftlich anstößig.

Am Ende der Besprechung geht es noch um die Relevanz von Nezamis Dichtung in der Gegenwart sowie seinem Einfluss auf moderne Literatur, hierbei wird als Beispiel nochmal auf „Dr. N liebt seine Frau mehr als Mossadegh“ verwiesen.