Dr. N. liebt seine Frau mehr als Mossadegh von Shahram Rahimian

Buchbesprechung im Literaturkreis vom 03.03.2015

Das besprochene Buch erzählt das Schicksal eines Mannes, Dr. N., der in der Zeit Mossadeghs als dessen Stellvertreter fungiert, infolge des Staatsstreichs dann verhaftet wird und lange in Einzelhaft sitzt. Der Forderung, im Rahmen eines Interviews gegen Mossadegh auszusagen, widersteht er tapfer, bis seine Peiniger ihm vortäuschen, seine Frau zu foltern. Ihre Schreie sind für ihn so unerträglich, dass er schließlich in das Interview einwilligt, und anschließend entlassen wird. Doch die Einzelhaft und vor allem sein Verrat haben ihn unwiederbringlich zerstört: unfähig, weiterhin die Liebe seiner Frau zu erwidern, kapselt er sich völlig ab, wird alkoholsüchtig, entsagt jeder Freude und quält sich und seine Frau bis zu ihrem Tod. Die eigentliche Handlung des Buchs setzt an dem Tag ein, an dem die Frau durch einen Unfall ums Leben kommt. Der verzweifelte Ehemann will sie nicht loslassen, lässt ihren Leichnam aus dem Krankenhaus in ihr gemeinsames Haus entführen und legt sich schließlich neben sie, um selbst zu sterben. Die Zeit vor und nach dem Staatsstreich werden in zahlreichen Rückblenden erzählt, wobei es nicht immer einfach ist, die Zeitebenen einzuordnen. Das Geschehen ist ganz aus der Perspektive von Dr. N. erzählt, der über sich selbst wechselnd als Dr. N. oder aber in der Ichform spricht.

In der Diskussion über das Buch wurden verschiedene zentrale Themen hervorgehoben:

Zum einen der Begriff der Ehre und des Verrats. In seinen Vorstellungen von Ehre und Verrat gefangen, die Dr. N. in hohem Maße auch von außen nahegebracht werden, zerbricht er am Verlust von Ehre bzw. am Verrat, den er begangen hat.
Zum zweiten spielt der Begriff des Opfers eine wichtige Rolle. Als Gefangener ist Dr. N. selbst ein Opfer, doch mit Ausnahme seiner Frau sieht ihn niemand so. Auch er selbst nicht, vermutlich, weil er keine Opferrolle übernehmen möchte. Mitleid bekommt er keines, außer wiederum von seiner Frau und vielleicht von seiner Mutter, den beiden Personen, die ihn lieben.
Ein drittes wichtiges Thema ist die Liebe. Hier zeigt der Roman auffällige Parallelen zu Leila und Majnun. Angefangen damit, dass auch Leila und Majnun eine glückliche gemeinsame Kindheit haben, ungetrübt von allen Qualen, und sich lieben dürfen, ohne dass Vorstellungen von Ehre eine Rolle spielen. Auch in Leila und Majnun hat die Trennung der Liebenden etwas mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Ehre und Schande zu tun, und – ähnlich wie im vorliegenden Roman – spielt der Vater der Frau eine dominante Rolle als derjenige, der Schande und Ehrlosigkeit fürchtet. Dr. N. wird schizophren, hat Wahnvorstellungen, redet nicht mit den Tieren, sondern mit einem eingebildeten Mossadegh und sich selbst. Und ähnlich wie in Leila und Majnun ist es auch bei Dr. N. und seiner Frau nur der Tod, der die Erlösung bringt und die Chance, sich wieder nahezukommen.
Bei der Interpretation stellte sich die Frage, welche weiteren Ebenen der Deutung der Roman zulässt. Auf einer gesellschaftspolitischen Ebene lässt sich überlegen, inwieweit die Omnipräsenz und Dominanz von Mossadegh nicht für eine alles vereinnahmende Politik im Iran stehen, die kaum Spielraum lässt für individuelle Bedürfnisse, und der das private Glück völlig untergeordnet sind. Paris, die Stadt der Sehnsüchte und Träume im Roman, ist der Ort, an dem die Liebenden der permanenten Präsenz und Dominanz des Politischen entzogen sind. Kaum zurück im Iran aber wird ihr Leben vollkommen dem Politischen untergeordnet, das sich auch in der Zeit vor dem Staatsstreich schon in zahlreiche sehr private Dinge einmischt, sogar bis hin in die Wahl des Hauses.
Eine offene Frage in der Diskussion bleibt, warum die Gestalt Mossadeghs so ambivalent dargestellt wird. Im Roman ist er keine besonders positive Gestalt, sondern eher unsympathisch. Bei allen Überlegungen, inwieweit der Roman eigentlich die heutige gesellschaftliche Realität im Iran beschreiben möchte, bleibt doch, dass er ausgerechnet den prominentesten Politik des Iran im 20. Jh für seinen Roman wählt. So kann man in dem Roman vielleicht auch eine Kritik an dem gängigen Blick auf die Zeit von Mossadegh sehen, der vielfach allzu positiv wahrgenommen wird.