Iran: Zivilisation ohne ökonomische Entwicklung – warum?

Prof. Mohssen Massarrat referierte über seine Theorie des Zusammenhangs von wirtschaftlicher Entwicklung und Wasservorkommen im Laufe der iranischen Geschichte

Die ökonomischen Probleme Irans – nicht erst seit den Sanktionen und ihrer Aufhebung ein sehr reichhaltiges Thema, mit dem man Abende füllen kann. Unter dem Titel „Iran – Zivilisation ohne Ökonomie. Warum?“ legte Prof. Dr. Mohssen Massarrat am Mittwoch, den 17.02.2016, im Hörsaal V der Universität Bonn seine Theorie dar. Wer dachte, dass das Thema aufgrund des sperrigen Titels eventuell sehr trocken und theoretisch werden würde, wurde bald eines Besseren belehrt. Prof. Massarrat zeigte, dass die historischen Grundlagen der ökonomischen Entwicklung sehr pragmatischer Natur waren und viel mit den gegebenen Umweltfaktoren (v.a. der Wasserverteilung) zu tun hatten.

Zur Einführung rekapitulierte Prof. Massarrat zunächst die vorislamische Geschichte Irans, in der sich, wie auch in anderen Gebieten des Nahen Ostens, einige sehr hochentwickelte Zivilisationen finden lassen. Europa selbst sei zu diesem Zeitpunkt noch recht unterentwickelt gewesen. Mit dem Aufkommen des Islams und islamischer Reiche, hätte aber eine Stagnation in der Entwicklung eingesetzt, was viele, unter Berufung auf Weber, zu der Aussage verleite, dass Islam und Kapitalismus (und ökonomischer Fortschritt) nicht vereinbar seien. Diese Theorie werde jedoch bei genauerer Betrachtung schnell widerlegt und es ließe sich erkennen, dass Religion zwar ein Faktor, nicht aber das Entscheidende für die ökonomische Entwicklung eines Landes sei. Es sei vielmehr ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, wie z.B. Gesellschaft, Stadt-Land-Beziehungen, Staat, Regierung und Machtverteilung.

Nach Prof. Massarrat stand in der historischen Entwicklung einiger Länder des Nahen Ostens vor allem ein ganz eminenter Umweltfaktor im Vordergrund: Die Wasserverteilung. Bezugnehmend auf Wittfogels Theorie lassen sich bestimmte Strukturen in den meisten der (ehemaligen) Staaten des Orients festhalten, die eng mit dem Wassermanagement verbunden gewesen seien. So sei ein extrem starker Zentralstaat nötig gewesen, dessen Hauptstadt als Königssitz auch gleichzeitig das Machtzentrum gewesen sei und Spezialisten für das Wassermanagement besessen hätte. Die Dörfer, die meist um die (künstlich angelegten) Wasseransammlungen herum entstanden seien, waren dennoch einigermaßen autonom, sofern sie Überschüsse erzielt hätten, die sie als „Steuern“ der Zentralmacht abliefern mussten. Dies begünstigte zum Einen die Dominanz des Gemeineigentums an Grund und Boden, sowie der Produktionsmittel, da prinzipiell alles dem Herrscher gehört hätte. Zum Anderen begünstigte es außerdem die Bildung einer Klientelwirtschaft um das Machtzentrum. Der Handel nach innen wie und außen sei ebenfalls extrem vom Herrscher kontrolliert gewesen und es hätte daher keine Mittelschicht gegeben, die z.B. Fabriken als Frühform der Industrialisierung aufgebaut hätte.

In Europa dagegen sei alles viel dezentralisierter gewesen, so dass sich über das Feudalwesen und die lokal organisierte eine Art Mittelstand bzw. Händlertum herauskristallisieren konnte. Der Handel blühte vor allem durch den ständigen Austausch zwischen Stadt und Land, sowie umliegenden Herrschaftsgebieten. Es entstand somit bereits eine Frühform von Demokratie (für die Oberschicht) und freien (nichtherrschaftlich kontrollierten) Handels und Industrie. Durch die bereits vorhandene dezentrale Organisation sei bei Umstürzen bzw. Machtübernahmen auch nicht notwendigerweise alles zusammengebrochen.

Nachdem Prof. Massarrat Bilder zum Aufbau der historischen Wasserverteilung und des Qanat-Systems gezeigt hatte, schlug er im Fazit den Bogen von seinen genannten Faktoren auf die moderne politische Geschichte Irans und deren Auswirkungen auf die aktuelle politisch-ökonomische Entwicklung des Landes. Iran sei ohne Zweifel ein stark zentralistischer Staat, dessen Machtzentrum die Hauptstadt ist. Es lasse sich außerdem sehen, dass der externe Handel und die Großproduktion ebenfalls unter Kontrolle der Zentralmacht stand und monopolisiert war. Dies führte dazu, dass nur ein kleiner, schwacher Mittelstand entstand und existierte. Der Aufbau von Fabriken, Manufakturen und (höheren) Bildungseinrichtungen sei nur autoritär vom Herrscher eingeführt worden. Wichtig sei seit jeher die Nähe zum Zentrum der Macht, wodurch eine klientelistische Herrschaftsstruktur bzw. die Korruption gefördert würde. Aufgebaute Strukturen hätten so selten über Machtumstürze hinaus Bestand gehabt. Eine nachhaltige ökonomische Entwicklung konnte demnach nicht in Iran stattfinden.