Podiumsdiskussion “Iran-Sanktionen auf dem Rücken von Patienten?” (17.12.2012) – Ein Bericht

Prof. Dr. Firusian (li.), Peter Philipp, Heiko Hanke (re.)

Der Iran habe im Laufe seiner jüngsten Geschichte leidvolle Erfahrung sammeln müssen mit Sanktionen und deren Folgen, meint Prof. Nosrat Firusian. Am schlimmsten waren sicher die Sanktionen während des ersten Golfkrieges und die damalige Unterstützung des Auslandes für Saddam Hussein. Der Onkologe vom Recklinghausener Elisabeth-Krankenhaus lässt aber keinen Zweifel aufkommen, dass der Iran gegenwärtig eine ähnlich schwierige Phase erlebe, weil die internationalen Sanktionen ernste Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln ausgelöst haben.
Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion auf Einladung der Deutsch-Iranischen Gesellschaft e.V. („Iransanktionen auf dem Rücken der Patienten?“) beschrieben Prof. Firusian und der Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Krebshilfe, Heiko Hanke, in der Universität Bonn die Situation auf dem iranischen Gesundheitssektor und die immer durch die Sanktionen immer akuter werdende Notlage.
Die Hauptstadt Teheran verfügt über drei Groß-Kliniken sowie über mehrere Organkliniken, denen Firusian sowohl von Ausstattung als auch Personal einen sehr hohen Standard bescheinigt. Im Gegensatz zu Deutschland praktizieren die Ärzte dieser Kliniken aber auch noch privat und das gehe zu Lasten der kontinuierlichen Betreuung der Patienten. Das sei besonders gravierend bei Krebspatienten, bei denen auch das Problem des Medikamenten-Mangels schwere Folgen habe.
Der Staat subventioniert die – meist aus dem Ausland importierten – Arzneimittel für Krebspatienten, diese sind aber kaum noch zu finden. Der Iran produziert zwar fast 90 Prozent seines Arzneimittel-Bedarfs selbst, der Rest aber muss aus Lizenzgründen importiert werden. Selbst im Land hergestellte Medikamente aber sind betroffen – wenn nämlich die Bestandteile importiert werden müssen.
Dass sie nicht importiert werden können, ist nicht direkt Folge der Sanktionen – von denen Medikamente offiziell ausgenommen sind – sondern es ist indirekte Folge der Sanktionen: Diese unterbinden den Geldverkehr mit dem Iran und machen den Import ausländischer Arzneimittel praktisch unmöglich. Banken, die sich – wie die britische Großbank HSBC – nicht an die Finanzsanktionen hielten, sind in den USA dafür bereits mit empfindlichen Geldstrafen belegt worden und die meisten Banken weigern sich deswegen, die Finanzierung auch humanitärer Geschäfte mit dem Iran abzuwickeln.

Heiko Hanke, Deutsch-Iranische Krebshilfe e.V.

Die „Deutsch-Iranische Krebshilfe“ hat trotz ihres Sitzes in der Nähe von Frankfurt immer wieder Schwierigkeiten, die Finanzierung der nötigsten Dinge zu ermöglichen: So hilft der Verein iranischen Krebspatienten, zur Behandlung nach Deutschland zu kommen, wenn ihnen im Iran nicht weiter geholfen werden kann. Dabei stößt Geschäftsführer Heiko Hanke immer wieder auf die Frage der Finanzierung, denn deutsche Krankenhäuser und Ärzte sind natürlich zur Aufnahme eines Patienten und zu seiner Behandlung nur bereit, wenn die Bezahlung gesichert ist. Das Geld muss dann meist privat vom Iran nach Deutschland gebracht werden, so wie auch „Überweisungen“ in den Iran in den letzten Monaten nur auf diesem Wege möglich waren.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Besonders bei Patienten im Kindesalter ist es angebracht, dass Familienangehörige mit nach Deutschland kommen, oft scheitert dies aber an den strikten Visa-Bestimmungen.
Bis vor kurzem haben offizielle deutsche Stellen sich zu diesem Thema nicht geäußert und darauf bestanden, dass humanitäre Hilfe doch von den Sanktionen ausgenommen sei. Und inoffiziell war in politischen Kreisen sogar zu hören, dass die Schwierigkeiten doch gewollt seien: Wenn der Druck auf die Menschen im Iran erst einmal groß genug sei, dann würden sie doch wohl ihrerseits Druck auf die Verantwortlichen in Teheran ausüben.

Prof. Dr. Nosrat Firusian, Chefarzt

Prof. Firusian und Heiko Hanke glauben nicht, dass dies geschehen wird. Der Onkologe konstatiert vielmehr eine wachsende Lethargie unter der iranischen Bevölkerung und dies werde sich eher gegen die Urheber der Sanktionen auswirken als gegen die eigenen Machthaber.
Heiko Hanke und Nosrat Firusian ziehen es vor zu handeln: Firusian fliegt regelmäßig in den Iran, um dort Krebspatienten zu betreuen und auch die nötigen Medikamente zu bringen. Es sind dies größtenteils Patienten, die er selbst operiert oder behandelt hat und für deren Folgebehandlung er nach Iran fliegt, statt dass sie den beschwerlicheren, teureren und oft überhaupt verschlossenen Weg nach Deutschland nehmen. Heiko Hanke wiederum ist schon fast Stammgast in Teheran, um dort die unterschiedlichsten Formalitäten zur Hilfe für Krebspatienten zu regeln. Noch 2012 will er zum ersten Mal seit langem auch mit einem größeren Paket Arzneimittel nach Teheran fliegen. Er setzt dabei auf die Einsicht der deutschen Behörden, dass etwas getan werden muss: Kürzlich hat das Auswärtige Amt sich bei der Apothekerbank und der Volksbank erkundigt, ob diese nicht ein Sonderkonto für diese dringenden Fälle einrichten könnten.
Gelingt dies, dann dürfte die Nachfrage im Iran steigen: Offizielle Zahlen von betroffenen Patienten gibt es nicht, der Korrespondent der „New York Times“ berichtete aber kürzlich, dass man im Iran von 6 Millionen Betroffenen ausgehe (bei einer Bevölkerung von rund 80 Millionen). Gelingt eine deutsche Ausnahmeregelung nicht, dann ist der nächste Schritt Hankes und Firusians bereits geplant: Anfang 2013 will man in Brüssel vorstellig werden, denn letztlich steht nicht nur Deutschland, sondern die gesamte EU hinter den von Washington verhängten Sanktionen.

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Datum/Zeit

17.12.2012
18:00