Das Schweigen brechen: Eine Lesung von Fariba Vafi aus „Kellervogel“ und „Tarlan“

Von Gesa Staat

Fariba Vafi bei der Lesung in BonnDie iranische Schriftstellerin Fariba Vafi, die Mitte Oktober auf der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman „Tarlan“ mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet wurde, las am Donnerstag, den 19. Oktober 2017, in Bonn aus ihren beiden preisgekrönten Romanen „Kellervogel“ und „Tarlan“.

Die Lesung, die von der Deutsch-Iranischen Gesellschaft e.V. (DIrG) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn ausgerichtet wurde, fand am frühen Abend im prachtvollen Senatssaal der Universität Bonn statt, der bis auf den letzten Platz belegt war.

Die Hörerschaft wurde durch Eva Orthmann, Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Bonn und Kulturbeauftragte der DIrG begrüßt. Anschließend führte Maryam Aras, die Organisatorin für Vafis Lesungen in Nordrhein-Westfalen, in die Veranstaltung ein. Sie zitierte unter anderem aus der Laudatio des deutsch-iranischen Lyrikers und Schriftstellers SAID, die er anlässlich der Preisverleihung des LiBeraturpreises zu Ehren Fariba Vafis gehalten hatte.

Der Lesung Vafis aus den persischsprachigen Originalen folgte jeweils der Vortrag der deutschen Übersetzung durch Jutta Himmelreich, langjährige und erfahrene Übersetzerin und Dolmetscherin aus dem Persischen, die auch während der ganzen Veranstaltung für reibungslose Übertragung zwischen beiden Sprachen sorgte.

Vafi las zunächst zwei Ausschnitte ihres vielfach ausgezeichneten Romans „Parande-ye Man“ (pers. wörtl.: „Mein Vogel“); ihrem ersten Roman, der in Iran im Jahr 2002 publiziert wurde und für den sie zahlreiche iranische Literaturpreise erhielt, einschließlich des „Golschiri-“ und des „Yalda-“ Preises, welche als die wichtigsten Literaturpreise Irans gelten. Bis heute ist „Parande-ye Man“ ihr erfolgreichster Roman. Die deutsche Übersetzung von Parwin Abkai mit dem Titel „Kellervogel“ wurde im Jahr 2012 im Rotbuch Verlag veröffentlicht.

Anschließend las die Schriftstellerin einen Ausschnitt aus ihrem Roman „Tarlan“ aus dem Jahr 2006, der 2015 in seiner deutschen Übersetzung von Jutta Himmelreich im Sujet Verlag erschien und für den Fariba Vafi auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet wurde.

An die Lesung schloss sich eine gut halbstündige Diskussions- und Fragerunde an, an der zahlreiche Hörer aktiv teilnahmen:

Dabei wurde unter anderem die „lange Tradition des Schweigens“ – insbesondere bei Frauen – in der iranischen Gesellschaft thematisiert. Angesprochen auf die Vor- und Nachteile der „Tradition des Schweigens“ entgegnete Vafi, dass sie im Schweigen die Gefahr der Selbstzerstörung sehe. Weiterhin beantwortete Vafi die Frage, wieviel eigene Erfahrungen in ihren Geschichten steckten mit der Bemerkung, dass sie nur über Dinge schreibe, die sie auch kenne. Dazu lasse sie sich aus ihrem nächsten Umfeld inspirieren. Auf die Frage nach der Bedeutung und Funktion des „Kellers“ in den beiden Romanen gestand Vafi, dass ihr meist gar nicht auffalle, wenn bestimmte Thematiken in ihren Geschichten herausstächen, doch Keller seien stets eine unbewusste Größe, denn in ihrer Dunkelheit ereignete sich vieles, das nie ans Tageslicht käme. Zudem sagte Vafi, sie sei sehr optimistisch, was die Entwicklung der postrevolutionären Jugend in Iran angehe, weil sie sehr aktiv und aufgeschlossen sei, zumal ihr auch die modernen Medien zur Verfügung stünden. Auf die letzte Frage, ob diese junge Generation die literarische Tradition der vorrevolutionären Schriftsteller fortsetze, erwiderte Vafi, dass sich dies erst im Laufe der Zeit herausstellen werde, doch dass sie sehr hoffnungsfroh sei, weil es zahlreiche junge iranische SchriftstellerInnen gebe und dass man somit viele verschiedene Ansichten zu lesen bekomme.

Nach der Veranstaltung gab es die Möglichkeit, die beiden präsentierten Romane in deutscher Übersetzung bei Herrn Rostami Gooran von der Buchhandlung Goethe&Hafis in Bonn zu erwerben und von der Autorin signieren zu lassen.

Der Roman „Tarlan“ wird beim nächsten Treffen des DIrG-Literaturkreises behandelt, das für Ende November bzw. Anfang Dezember anberaumt ist.


Fariba Vafi wurde 1962 in Tabriz in der iranischen Provinz Azerbaijan geboren.

Nach ihrem Abitur veröffentlichte sie Kurzgeschichten in verschiedenen iranischen Literaturzeitschriften. Sie gehört zu den „beliebtesten und erfolgreichsten“[1] Autoren Irans und wurde dort mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Teheran. Neben ihren beiden Romanen „Parande-ye Man“ und „Tarlan“ veröffentlichte sie weitere vier Romane sowie sechs Kurzgeschichtensammlungen, zu denen aber – bedauerlicherweise – bis heute keine deutsche Übersetzung vorliegt. Im Mittelpunkt von Vafis Romanen stehen Frauen. „Durchschnittliche iranische Frauen“, wie sie sagt, die „stumm waren“ und die „in der iranischen Literatur selten vorkamen“.[2]

Die Handlung des Romans „Tarlan“ spielt sich in den frühen Jahren der Islamischen Republik ab. Die Protagonistin Tarlan, eine junge Frau, die sich für Literatur und das Schreiben begeistert, will ihrem konservativen Elternhaus entkommen und etwas in ihrem Land verändern. Zusammen mit einer Freundin lässt sie sich in einer Teheraner Frauenkaserne zur Polizistin ausbilden. Anhand des Mikrokosmos’ Frauenkaserne thematisiert Vafi u.a. die ethnische und kulturelle Vielfalt Irans. Da sich viele von Tarlans Wunschvorstellungen nicht realisieren lassen, und um sich dem Schicksal eines vorgezeichneten, traditionellen Weges und der geistigen Enge ihrer Ausbildung zu entziehen, flüchtet sie sich in ihre Schreibtätigkeit, bei der sie sich vollkommen frei fühlen kann.

Der LiBeraturpreis wird seit 1987 ausschließlich an Autorinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika vergeben. Damit verbunden sind eine Einladung zur Frankfurter Buchmesse und ein Preisgeld von inzwischen 3000 Euro. Seit 2012 wird der LiBeraturpreis von Litprom, der deutschen „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.“ vergeben, die sich um einen Dialog zwischen den Kulturen durch Literatur bemüht.

Mit dem Preis wird versucht, auf die Kulturleistungen dieser oftmals benachteiligten Weltregionen Afrika, Asien und Lateinamerika aufmerksam zu machen.

 


Lesen Sie auch:
das Interview der DIrG mit der Übersetzerin des Romans „Tarlan“, Jutta Himmelreich, über Ihre Arbeit an „Tarlan“ sowie
das Gespräch mit Frau Prof. Dr. Orthmann über die geplante Besprechung des Romans „Tarlan“ im Literaturkreis der DIrG.

 


[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2017, Nr. 239, S. 44.
[2] Ebenda.